Heilend, aber risikoreich: allogene Stammzell- bzw. Knochenmarktransplantation

  • Die allogene Stammzell- bzw. Knochenmarktransplantation ist die einzige Therapie, die die Myelofibrose ursächlich heilen kann.
  • Aufgrund der Schwere des Eingriffs und der damit verbundenen Gefahren werden Ärzte zunächst alle geeigneten medikamentösen Therapieformen ausschöpfen.
  • Die dem Patienten übertragenen Stammzellen stammen von gesunden Spendern und können auf zwei verschiedene Weisen gewonnen werden: aus dem Blut oder aus dem Knochenmark.
  • Um den Körper des Patienten auf die Übertragung der Spenderzellen vorzubereiten, muss er sich zuvor einer intensiven Chemotherapie unterziehen.

Wie bereits zu Beginn des Kapitels erwähnt, ist die allogene Stammzell- (SZT) bzw. Knochenmarktransplantation (KMT) derzeit die einzige Möglichkeit, einen Myelofibrose-Patienten von der Erkrankung zu heilen. Je nachdem, ob die Blutstammzellen aus dem Knochenmark oder aus dem Blut des Spenders gewonnen werden, spricht man von einer Knochenmark- oder peripheren Blutstammzelltransplantation.

Für welchen Patienten ist eine Stammzell- bzw. Knochenmarktransplantation geeignet?

Aufgrund der Schwere des Eingriffs, des damit verbundenen erhöhten Sterblichkeitsrisikos und der erheblichen Nebenwirkungen werden Ärzte eine Transplantation nur für Patienten mit einem mittleren Risiko 2 oder einem hohen Risiko empfehlen. Eine wichtige Voraussetzung, um die strapaziöse Behandlung durchzustehen, ist ein guter Allgemeinzustand.1, 2

Bei Patienten mit einem geringen oder mittleren Risiko 1 übersteigen die Risiken den zu erwartenden Nutzen der Behandlung in der Regel deutlich.1 Deshalb ist eine patientenindividuelle Nutzen-Risiko-Abwägung an einem spezialisierten Transplantationszentrum unabdingbar.

Wie läuft eine Stammzell- bzw. Knochenmarktransplantation ab?

Eine Stammzell- bzw. Knochenmarktransplantation setzt eine vorbereitende, aggressive Chemotherapie voraus („Konditionierung“), die die körpereigenen, krankmachenden Stammzellen im Knochenmark des Patienten vernichtet. Die dabei eingesetzten Medikamente töten alle blutbildenden Zellen im Knochenmark des Patienten ab, greifen teilweise aber auch gesunde Körperzellen an. Eine aggressive Chemotherapie kann deshalb zahlreiche Nebenwirkungen haben und stellt für den Organismus eine große Belastung dar.3 Um den Nebenwirkungen möglichst gut vorzubeugen, erhalten Patienten in dieser Zeit zahlreiche unterstützende Medikamente.4, 5, 6

Nach dem Abschluss der Chemotherapie werden die Stammzellen des Spenders über die Blutbahn (Infusion) auf den Patienten übertragen. Die neuen Blutstammzellen wandern daraufhin aus dem Blut selbständig in das Knochenmark ein, siedeln sich dort an und beginnen nach einiger Zeit, gesunde Blut- und Immunzellen zu bilden.

Woher kommen die Stammzellen, die übertragen werden?

Als Spender kommt grundsätzlich jede gesunde Person zwischen 18 und 60 Jahren in Frage.7 Dies kann sowohl ein Familienmitglied sein als auch ein nicht verwandter Fremdspender. Wichtig ist, dass Spender und Empfänger die gleichen Gewebemerkmale (HLA, Humane Leukozyten-Antigene) aufweisen, damit der Empfänger die Zellen des Spenders nicht abstößt.

Stimmen die Gewebemerkmale des Empfängers nicht gut genug mit denen des Spenders überein, erkennen die neuen Abwehrzellen die Gewebe des Empfängers als „fremd“ – also potenziell gefährlich – und greifen diese an.8 Um dies zu verhindern, werden die HL-Antigene von Empfänger und Spender vor der Transplantation mithilfe einer Blutuntersuchung bestimmt und miteinander verglichen. Je höher die Übereinstimmung, desto besser sind die Chancen, dass die Transplantation erfolgreich verläuft.

Welche Risiken hat eine Stammzelltransplantation?

Bei der allogenen Stammzelltransplantation erhält der Patient ein neues Blut- und Immunsystem, denn Abwehrzellen gehen grundsätzlich aus den Blutstammzellen hervor. Auch wenn alle Gewebemerkmale zwischen Empfänger- und Spenderzellen übereinstimmen, kann es nach der Transplantation zur sogenannten Spender-gegen-Wirt-Erkrankung kommen (Englisch: Graft-versus-Host-Disease, GvHD). Hierbei handelt es sich um Abstoßungsreaktionen, die von den Spenderzellen ausgehen und schwerwiegende, teilweise gefährliche Nebenwirkungen haben können. In diesem Fall benötigt der Betroffene Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken.4, 5, 6

Eine andere wichtige Folge der Transplantation bzw. vorangegangenen Chemotherapie ist eine extrem hohe Infektanfälligkeit: Denn nach der Zerstörung der körpereigenen Blutstammzellen ist der Organismus vorübergehend nicht mehr in der Lage, neue Blutzellen und damit auch die für die Immunabwehr zuständigen weißen Blutkörperchen zu bilden. Insgesamt dauert es nach der Stammzelltransplantation etwa zwei Wochen, bis die ersten weißen Blutkörperchen im Knochenmark herangereift sind. Während dieser Zeit muss der Patient stationär in einer sterilen Umgebung im Krankenhaus bleiben.

1 Primäre Myelofibrose. Onkopedia Website. https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/primaere-myelofibrose-pmf/. Stand Dezember 2018.
2 Herold, G. Innere Medizin 2019. Köln: Selbstverlag; 2018.
3 Primäre Myelofibrose. MPN-Netzwerk. https://www.mpn-netzwerk.de/fileadmin/dokumente/PMF_Broschuere_2018.pdf. 2018.
4 ONKO Internetportal. https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/therapieformen/stammzelltransplantation.html. Stand 10.09.2014
5 Informations- und Aufklärungsbroschüre zur autologen und allogenen Transplantation Blut-bildender Stammzellen. Klinik für Knochenmarktransplantation Universitätsklinikum Essen. https://www.uk-essen.de/fileadmin/KMT/pdf/Info_Vers_10_2004.pdf. 2004. 
6 Regenerationsphase – Engraftment (ca. Tag+10 bis Tag+28). Kinderkrebsinfo.de Website. https://www.kinderkrebsinfo.de/patienten/behandlung/behandlungsmethoden/pohkinderkrebsinfostammzelltransplantation/ablauf_der_szt/regenerationsphase/index_ger.html. Stand 05.06.2020. 
7 Voraussetzungen zur Stammzellenspende. Stammzellenspenderdatei Website. https://www.stammzellspenderdatei.de/stammzellspende-knochenmarkspende/voraussetzungen
8 Transplantation von Blutstammzellen. Krebsinformationsdienst Website. https://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/blutstammzelltransplantation.php. Stand 13.03.2019.